BUDDHISMUS FÜR DIE WESTLICHE WELT


Das Interesse am Buddhismus ist groß und das Literaturangebot über diese fernöstliche Lehre ausgesprochen umfangreich. Dennoch sind vertiefte Kenntnisse über den Buddhismus nicht weitverbreitet und wird bestehendes Wissen oft überlagert von Fehlinterpretationen und Missverständnissen. Dabei muss gesehen werden, dass zu deren Verbreitung mitunter selbst buddhistische Gelehrte und Autoren beitragen, indem diese sich allzu unbefangen einer Terminologie bedienen, die christlich-abendländischen Denkvoraussetzungen zugrunde liegt und daher den buddhistischen Sinngehalt nicht immer korrekt wiedergibt.
Nachfolgend soll versucht werden, einige Missverständnisse zu erhellen und aus ihrer verfremdenden westlichen Wahrnehmung herauszulösen.


Buddhisten glauben an Buddha
So wie Christen an Jesus, den Erlöser und Sohn Gottes, glauben, so glauben offenbar auch Buddhisten an Buddha, den Begründer der nach ihm benannten Heilslehre. Diese auf dem christlichen Glaubensverständnis basierende Auffassung ist jedoch falsch. Buddha forderte keinen Glauben, sondern Einsicht und Erkenntnis. Folgerichtig hat Buddha auch den Glauben an seine Person oder Lehre verworfen. Nicht das, woran man glaubt, sondern das, was man durch eigenes Bemühen in sich selbst realisiert, führt zur Befreiung aus dem Dunkel der Unwissenheit. »Glaube« hat im Buddhismus allenfalls die Bedeutung von Vertrauen (shraddhâ) in den von Buddha gewiesenen Weg und hat seine Berechtigung allein im Sinne einer Vorwegnahme des Gehörten, das es dann aber durch eigenes Erwägen auf seine Richtigkeit zu überprüfen gilt. Der Buddhismus ist eine Erkenntnislehre, keine Glaubensreligion.

Buddhisten beten zu Buddha
Buddha genießt hohe Verehrung, die vor allem in einer reichhaltigen Ikonographie zum Ausdruck gelangt. Richtig ist, dass der Buddhismus anfänglich eine bildlose Religion war. Im Laufe der Jahrhunderte gewann die Buddha-Verehrung jedoch zunehmend an Einfluss. Diese beinhaltet jedoch keine Anbetung, da Buddha kein göttliches Wesen ist und ihm auch keine heilsvermittelnde (erlösende) Funktion zukommt. Die Buddha-Verehrung ist ein Ausdruck der Verehrung für das Erleuchtungsprinzip und keine Fürbitte, wenngleich in der volksreligiösen Praxis die »Gläubigen« von Buddha auch direkte Gunst und Hilfeleistung erhoffen.

Im Buddhismus muss man meditieren, um erlöst zu werden
Die Meditation ist nicht die allein notwendige Voraussetzung für die Heilsgewinnung. Die meditative Verinnerlichung will lediglich Körper und Geist beruhigen und den Weg ebnen für jene spirituelle Erfahrung, die von den Zwängen des Daseins befreit. Im Buddhismus geht es nicht um »Erlösung« (aus Sünde und Schuld), sondern um Einsicht, Erkenntnis und ein Sich-Loslösen aus allen an die Welt bindenden Verhaftungen. Meditation meint Vergegenwärtigung und damit immer auch Achtsamkeit, die es aber auch und vor allem im praktischen Alltag zu üben gilt. Das Heil lässt sich nicht ausschließlich in meditativer Versenkung erreichen, sondern in einer bewussten und achtsamen Haltung sich selbst und anderen gegenüber. Eine meditative oder spirituelle Haltung sollte mithin in allen Verrichtungen zum Tragen kommen und nicht Gegenstand einer vom Alltagsleben losgelösten Übung darstellen. Somit kann man auch ohne meditative Fähigkeiten den Prinzipien der Lehre nachleben und vermag die Meditation nicht den höchsten Rang im spirituellen Wertesystem für sich zu beanspruchen.

Der Buddhismus ist eine esoterische und mystische Religion
Esoterik meint eine nur für Eingeweihte bestimmte Lehre, zu der Außenstehende keinen Zugang haben. Die Lehre Buddhas beinhaltet jedoch keine Geheimnisse, in die nur ein bestimmter Kreis von Auserwählten Einblick erhält. Der Buddhismus ist exoterisch, für alle bestimmt und allen verständlich. Wenn einige Schulen des Buddhismus (vor allem des Vajrayâna) esoterische Lehren und Praktiken aufweisen, so gehört das nicht zum Gesamtgut aller Buddhisten. Der Buddhismus ist auch keine mystische Religion, in der es gilt, eine persönliche Verbindung mit dem Göttlichen oder einer überseienden Sphäre herzustellen. Der Buddhismus ist gottfrei, also kann es nichts geben, zu dem sich eine mystische Verbindung herstellen ließe. Die Gleichsetzung des Buddhismus mit Esoterik und Mystik ist das größte aller Missverständnisse, das allerdings auch aus der großen Esoterik-Begeisterung der westlichen Welt reichlich Nahrung erhält.

Der Buddhismus kennt viele Götter
Ist im Buddhismus von »Göttern« die Rede, so sind damit nicht der natürlichen Gesetzmäßigkeit entbundene himmlische Wesen gemeint. Göttliche Existenz – sofern man sie überhaupt gelten lassen will – ist eine aufgrund positiven Karmas erzeugte Existenzweise und wie jede Existenzform weder absolut noch ewig. Auch Götter müssen, nachdem sie ihr gutes Karma abgetragen haben, dereinst wieder aus ihrer Daseinsform abtreten; sie sind wie alle Existenzweisen dem Samsâra zugehörig und in den Kreislauf der Wiedergeburten eingebunden. Auf den Menschen haben Götter keinerlei Einfluss und ihre Anrufung wäre deshalb sinnlos. Der Buddhismus kennt keine absolut erhabene Gottheit und ist demnach eine atheistische Religion. Und auch die im Mahâyâna gelehrte Transzendenz des Buddha-Prinzips (Trikâya-Lehre) lässt sich mit keiner göttlichen Konzeption in Zusammenhang bringen. Die doketische Buddha-Interpretation impliziert keine Göttlichkeit Buddhas und seiner im Sinne der Emanation gedachten Aspekte meditativer Erfahrung. Der Buddhismus ist gottfrei, mögen auf der Ebene möglicher Existenzformen auch noch so viele Wesen ein »göttliches« Dasein beanspruchen.

Der Dalai Lama ist ein Gottkönig
Der Dalai Lama ist das Oberhaupt der Gelugpa-Schule des tibetischen Buddhismus und zugleich das weltliche Oberhaupt Tibets. Er gilt als eine Reinkarnation des transzendenten Bodhisattva Avalokiteshvara. Damit ist er in der geistlichen Hierarchie dem Pantschen Lama sogar nachgeordnet, der als eine Emanation des transzendenten Buddha Amitâbha verehrt wird. Der Bodhisattva Avalokiteshavara ist kein Gott und folglich ist der Dalai Lama auch kein »Gottkönig«. Der Dalai Lama ist auch kein buddhistischer »Papst«; er ist nicht einmal das geistliche Oberhaupt aller tibetischen Buddhisten, sondern nur der vorerwähnten Gelugpa-Schule.

Der Buddhismus lehrt, dass alles nur Leiden sei
Diese Aussage ist an sich richtig, kann dennoch aber zu falschen Annahmen verleiten. In buddhistischer Sicht ist die Welt insofern gleichbedeutend mit »Leiden«, als sie vergänglich ist. Leiden = Vergänglichkeit ist die Grundkonstante allen Daseins. Somit wird auch das Leben als leidvoll beschrieben, doch ist mit dieser Feststellung keine Verneinung des Lebens gemeint, das ja auch mit vielen angenehmen Seiten verbunden ist. Leiden ist auch keine Prüfung, Heimsuchung oder Strafe Gottes. Es ist ein Ausdruck für die Impermanenz aller Existenz, doch immer nur insoweit, als wir uns an ephemere (vergängliche) Dinge und Zustände binden. Für den, der sich aus allen leidvollen Verhaftungen zu befreien vermag, besteht kein Leiden mehr. Leiden ist demnach ein relativer Ausdruck für die ichhafte Verstrickung in die Daseinswelt, für den nicht befreiten, von Illusionen geblendeten Geist.

Die Lehre vom Leiden ist pessimistisch
Im Buddhismus meint »Leiden« kein Elendsdasein, keinen Weltschmerz, keine abgrundtiefe Tristesse. Leiden ist ein Ausdruck für die Grundbefindlichkeit aller Daseinsphänomene und damit mehr als nur physische und mentale Drangsal. Leiden ist ein Tatbestand, ein Naturgesetz gewissermaßen. Der Ausdruck »Leiden« meint keinen Pessimismus und keine Verneinung auch angenehmer und freudvoller Zustände. Leiden erwächst aus dem Begehren; es ist die trügerische, unreflektierte und zumeist auch achtlose Haltung gegenüber dem Dasein, die zwangsläufig zu leidvollen Erfahrungen führt.

Die Lehre vom Karma ist fatalistisch
Fatalismus meint die völlige Ergebenheit in die als unabänderlich hingenommene Macht des Schicksals. In dem (falschen) Glauben, dass das Karma unser Schicksal bestimmt, ist eine fatalistische Grundhaltung demnach mitenthalten. Für den Buddhisten ist Karma jedoch nicht Schicksal, also keine Vorherbestimmung, auf die wir keinen Einfluss haben. Der Buddhismus lehrt keine schicksalhafte Fügung, keine vorausbestimmte und unveränderliche Prägung, sondern Wirkungen, die sich allein aus unserem Tun und Lassen automatisch ergeben. Für die positiven oder negativen karmischen Folgen seines Handelns ist jeder selbst verantwortlich, womit jede fatalistische Unterstellung entfällt.

Karma ist eine Strafe für schlechtes Handeln in einem früheren Leben
Karma bedeutet Tat oder Handeln, gleichzeitig aber auch die aus einer Tat oder Handlung sich ergebende Folgewirkung (Gesetz von Ursache und Wirkung). Jedes positive oder negative Tun führt somit aufgrund der bedingenden Verursachung zwangsläufig zu ebensolchen Ergebnissen. Das Motiv von Lohn und Strafe fällt dabei außer Betracht. Die Verbrennung, die sich aus dem Anfassen eines heißen Gegenstandes ergibt, ist auch keine Strafe, sondern die logische Folge einer unbedachten Handlung. Karma vergilt nicht, sondern misst zu. Wir werden nicht für diese oder jene Tat belohnt resp. bestraft, sondern durch sie konditioniert.

Im Buddhismus kann man auch als Tier wiedergeboren werden
Die Frage, ob man auch als Tier wiedergeboren werden kann, ist selbst unter Buddhisten umstritten, so dass hinsichtlich keine eindeutige Meinung besteht. Grundsätzlich herrscht die Auffassung, dass man sich in jenen Daseinszuständen verweltet, die man durch eigenes Wollen auch selbst verursacht hat - sei es als Mensch, Tier oder Geistwesen. Jede Wiedergeburt ist das Resultat eigenen Strebens; sie ist die natürliche Folge unseres Begehrens und damit weder Vergeltung noch Belohnung. Auf dem Wege durch den Samsâra (Werdekreislauf) wechseln wir immer wieder unsere Daseinszustände, weshalb es keine nur positiven oder negativen Fährten geben kann. Im Wissen um die Verbundenheit aller karmisch bedingten Erscheinungsformen sind Buddhisten somit aufgerufen, allen Wesen mit Respekt, Güte und Wohlwollen zu begegnen. So kann die Vorstellung von einer möglichen außermenschlichen Wiedergeburt vielleicht auch dazu verhelfen, generell allen Wesen und allem Daseinenden mehr Achtung und Mitgefühl zu erweisen.

Für Buddhisten ist der Tod kein Anlass zur Trauer
Die Meinung, dass der Tod im Blick auf eine bevorstehende Wiedergeburt keinen Anlass zur Trauer bietet, ist ein weitverbreitetes Missverständnis. Genauso müssten auch Christen nicht traurig gestimmt sein, da auch ihnen eine Wiedergeburt (!) in Form der Auferstehung von den Toten am Ende der Zeiten (Jüngstes Gericht) verheißen ist. Tatsache ist, dass Buddhisten unter dem Verlust eines geliebten Menschen ebenso leiden wie alle Menschen auf dieser Welt. Dennoch sehen sie im Tod nicht jene Zäsur, die alles Leben zunichte macht und ist es richtig, dass die Vorstellung von der ständigen Wiederkehr eine gelassenere Einstellung auch gegenüber dem Tod ermöglicht. Im Buddhismus sind Leben und Tod nicht einmalige und zugleich entgegengesetzte Vorgänge, sondern sich ständig wiederholende Etappen auf dem langen Weg durch den Samsâra. Dadurch verliert der Tod weitgehend an Schrecken und ist er nicht jenes unheilvolle Ereignis, das allem Dasein ein unwiederbringliches Ende bereitet.

Der Buddhismus lehrt die Seelenwanderung
Gemeinhin werden die Worte Wiedergeburt (Reinkarnation) und Seelenwanderung als synonyme Begriffe aufgefasst. Da der Buddhismus aber keine Seele kennt, unterstellt er auch kein seelisches Prinzip, das von der einen auf die andere Existenz überwechselt. Hier nun stellt sich die Frage, was denn wiedergeboren werden soll, wenn es kein das irdische Dasein überdauerndes Etwas gibt, das fähig wäre, sich von dieser in jene Form zu begeben? Wiedergeburt im Buddhismus bedeutet (im Unterschied zur hinduistischen Seelenwanderung) keine substanzielle Transmigration, kein Übergehen einer Seeleneinheit von der Person A auf die Person B. Der Begriff der »Wiedergeburt« ist im Grunde falsch, denn wir werden nicht als gleiche Seinseinheit wieder geboren – weder physisch noch mental. Wiedergeburt im Buddhismus meint keine Wiederholung und kein Neuwerden, sondern eine den physischen Tod überdauernde Kontinuität bestehender psychischer Prozesse. Sie umschreibt die Reaktualisierung von noch nicht zum Versiegen gelangten geistigen Kräften oder energetischen Potenzen, die solange wirksam bleiben, als nach Verwirklichung drängende Energien (= Trieb nach Sein und Haben) vorhanden sind. Ist im Erlöschen aller Triebe nichts mehr vorhanden, woran sich das eigene Ich noch entzünden könnte, dann drängt sich ein Verbleib im Daseinskreislauf (samsâra), also ein »Wiedergeborenwerden« (Reaktualisierung), nicht mehr auf. Erreicht ist der Zustand des Nirvâna, das Verlöschen aller anhaftenden Begierden und Bindungen an die leidvolle Daseinswelt, womit der ständige Drang nach Aktualisierung des eigenen Ichs und damit alle leidvollen Erfahrungen einen Abschluss finden.

Für die spirituelle Entwicklung ist man auf die Hilfe eines Guru angewiesen
Guru ist die Sanskrit-Bezeichnung für den spirituellen Meister oder Lehrer, der uns vor allem in den tantrischen (esoterischen) Richtungen des Buddhismus, aber auch im Zen (hier Rôshi genannt) begegnet. In den genannten Strömungen vollzieht sich die spirituelle Schulung zumeist in der Form eines engeren Lehrer-Schüler-Verhältnisses. Generell besteht jedoch die Auffassung, dass auf dem spirituellen Weg ein Guru nicht wirklich notwendig ist. Der Buddhismus ist in erster Linie eine Selbsterlösungslehre, weshalb keine Unterstellung unter besonders qualifizierte Meister gefordert ist. Diese Haltung wird selbst von jenen Schulen vertreten, die sich auf eine Guru-Tradition abstützen. Jedes Lehrer-Schüler-Verhältnis hat demnach auf dem Prinzip der Freiwilligkeit und des gegenseitigen Vertrauens zu beruhen und darf in kein Abhängigkeitsverhältnis führen.

Das Nirvâna ist ein buddhistischer Himmel
Der Buddhismus kennt kein nachtodliches Jenseits, in das der Verstorbene eingeht. Nirvâna ist kein Himmel, keine transzendente Jenseitssphäre, kein ewiges Sein. Nirvâna ist ein Abschluss, kein Neubeginn in einer anderen Welt. Nirvâna heißt »Verlöschen« und meint jenen Zustand, der eintritt, wenn alle an das Dasein fesselnden Bindungen überwunden sind. Nirvâna ist keine Örtlichkeit ewiger Glückseligkeit, sondern ein Zustand der Zustandslosigkeit, das Ende allen Verlangens, die Beruhigung aller Unruhe des Geistes, der Abschluss des Wiedergeburtenkreislaufs, das Nichtverfügbare jenseits der verfügbaren Welt. Nirvâna lässt sich demnach nicht mit einem jenseitigen Paradies gleichsetzen.

Um ins Nirvâna einzugehen, muss man als Mönch wiedergeboren werden
Diese Meinung ist selbst unter Buddhisten verbreitet. Ihr liegt die Auffassung zugrunde, dass das Weltleben mit all seinen Implikationen der spirituellen Entwicklung hinderlich sei. Somit sei es nur möglich, in der völligen Loslösung von allen an die Welt bindenden Einflüssen die höheren Stufen spiritueller Entfaltung zu erreichen. Es steht außer Zweifel, dass ein von allen Bindungen befreites monastisches (mönchisches) Leben hierfür günstigere Voraussetzungen schafft. Dennoch bleibt Nirvâna etwas, das man in sich selbst realisieren muss und ist dieses nicht einfach in einem Klosterdasein verheißen. Nirvâna bedeutet »Verlöschen« und meint die endgültige Überwindung des leidvollen Daseinskreislaufs (samsâra) – eine Stufe, die potentiell jedem, ob Mönch oder Laie, offen steht. Im Übrigen ist es falsch, von einem »Eingehen« ins Nirvâna zu sprechen. Nirvâna ist keine Örtlichkeit, in die man eingeht und in der man verweilt. Es ist kein verfügbares Etwas, keine abgeschiedene Jenseitssphäre, sondern ein geistiger Zustand vollkommener Erkenntnis und der Überwindung des eigenen Ichs.

Der Buddhismus ist eine nihilistische Lehre
Nihilsimus [von lat. nihil = nichts] ist die Anschauung von der Nichtigkeit und Sinnlosigkeit alles Bestehenden und Seienden; sodann jene Haltung, die alle Werte, Ideale und positiven Zielsetzungen verneint. Indem der Buddhismus die Vorstellung von festen Substanzen zurückweist und damit allem Sein die Grundlage entzieht, lässt sich prima facie eine Gleichsetzung von Nihilismus und Buddhismus herstellen. Der Buddhismus kennt keinen Gott, keine Schöpfung, keine Seele, kein Ich, kein Sein der Dinge und keine ewige Glückseligkeit. Er anerkennt aber eine dharma genannte (gottfreie) kosmische und sich selbst regulierende Ordnung, und der kennt ein alles bestimmendes Gesetz von Ursache Wirkung, das er karma nennt. Trotz der Negierung alles Seins behauptet der Buddhismus dennoch aber kein Nichtsein, denn ist das Sein nicht, dann ist auch das Nichts als sein Gegenteil nicht. Die Dinge sind und sind nicht. Das heißt: Die Dinge sind insofern, als sie aus bedingenden Verursachungen entstehen und in unserem subjektiven Bewusstsein vorhanden sind. Und sie sind nicht insofern, als ihnen als bedingt entstandenen Phänomenen kein Eigensein zukommt und sie Eindrücke der trügerischen Wahrnehmung sind. In der Sprache des Buddhismus sind die Dinge demnach »leer« (shûnya), d.h. ohne Substrat; sie sind wesenlos und Ein-Bildungen (Bild = Vorstellung) unserer kreativen Phantasie. Der Buddhismus lehrt somit keinen Nihilismus, sondern einen zwischen Bejahung und Verneinung stehenden »mittleren Weg«. Nicht nihilistisch ist der Buddhismus auch in der hohen Bewertung ethischer Prinzipien, in seiner Zielsetzung auf die Überwindung leidvoller Erfahrungen und im Streben nach Vollkommenheit und höchster Erkenntnis.

Buddhisten müssen die Gebote Buddhas einhalten
Der Buddhismus kennt keine imperativen Verhaltensvorschriften und damit auch keine Norm setzende Instanz. Die sittlichen Maßstäbe des Buddhismus (pañcashîla) [Abstehen von Lebensberaubung, Abstehen von Diebstahl, Abstehen von unreinem Lebenswandel, Abstehen von Lüge, Abstehen von sinnestrübenden Mitteln] sind nicht Gebote, die eingehalten werden müssen, sondern Verhaltensgrundsätze, die sich der, der sie befolgt, aus eigener Einsicht und Freiwilligkeit (= Autonomie) zu eigen macht. Ihre Respektierung erfolgt nicht aus einem geforderten Glaubensgehorsam, sondern aus der Überzeugung, dadurch eine heilsame Lebensgrundlage für sich selbst und andere zu schaffen.

Buddhisten dürfen kein Fleisch essen
Das oberste Prinzip buddhistischer Ethik besteht im Nichtschädigen von Lebewesen (ahimsâ). Dennoch besteht kein Verbot, tierische Nahrung zu sich zu nehmen, wenngleich die Umstellung auf vegetarische Kost der Grundhaltung des Nichtverletzens und der Güte zu allen Wesen mehr entspricht.

Zwischen Buddhismus und Hinduismus gibt es kaum Unterschiede
Der Buddhismus ist aus dem Vedismus/Brahmanismus, der Vorstufe zum heutigen Hinduismus hervorgegangen (6. Jh. v.Chr.). Er steht zu diesem demnach in einem ähnlichen Verhältnis wie das Christentum zum Judentum. Folglich bestehen zwischen Buddhismus und Hinduismus zahlreiche Gemeinsamkeiten. Zu diesen zählen die asketische Tradition, die Lehre von Karma und Wiedergeburt, das Prinzip des Nichtschädigens von Lebewesen, das Postulat religiöser Toleranz und anderes mehr. Dennoch bestehen zum Teil markante Unterschiede, die aufgrund des gewährenden Klimas aber kaum hervorstechen und nicht Gegenstand kontroverser Wahrheitsansprüche sind. So verfügt der Hinduismus über theistische wie auch nichttheistische Systeme, dieweil der Buddhismus im Ganzen gottfrei ist. Auch in den Vorstellungen vom Karma und der Wiedergeburt bestehen gewisse Abweichungen. Lehrt der Hinduismus eine Wanderung der Seele, so geht der eine Seele zurückweisende Buddhismus davon aus, dass die nachtodliche Wiederverkörperung ohne Übergehen einer seelischen Substanz sich vollzieht. Die Hindus kennen eine beamtete Priesterschaft (Brahmanen), der Buddhismus kennt eine solche nicht [Mönche und Nonnen sind keine heilsvermittelnden Priester]. Die hinduistische Sozialordnung ist durch das Kastensystem bestimmt, während der Buddhismus eine soziale Zuordnung nach Kasten ablehnt. Der Hinduismus ist eine Volksreligion und als solche nur in Indien und einigen angrenzenden Staaten verbreitet. Der Buddhismus ist eine Universalreligion, in der sich die Zugehörigkeit nicht auf eine bestimmte Ethnie beschränkt. Gemeinsam haben Buddhismus und Hinduismus ihre Nichtzugehörigkeit zum Typus der prophetischen Offenbarungsreligionen (wie Judentum, Christentum und Islam) und ihre Zurückweisung einer göttlichen und unfehlbaren Offenbarung (Weisungen Gottes). In beiden Religionen ist das Postulat der Toleranz deshalb weit mehr hervorgehoben als in den westlichen Religionen. Buddhismus und Hinduismus kennen somit kein prophetisches »Entweder-Oder«, sondern lassen in allem ein »Sowohl-als-Auch« gelten.

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