Kobun Chino Otogawa Roshi

 

Houn Kobun Chino Otogawa Roshi – seine Schüler und Freunde nannten ihn einfach KOBUN – erblickte am 1.2.1938 in Kamo, Japan, im elterlichen Zentempel JOKOJI als jüngstes von sechs Kindern das Licht der Welt. Nach dem frühen Verlust seines leiblichen Vaters wurde er von seinem späteren Meister, Hozan Koei Chino Roshi, gewissermassen adoptiert. Während seiner Studienzeit an der Kamazawa Universität und seinem Aufenthalt im Eiheiji Kloster nahm er während Jahren regelmässig an den Vorträgen von Kodo Sawaki Roshi teil. Der dritte massgebliche Einfluss war schliesslich Shunryu Suzuki Roshi, welcher ihn im Jahre1967 direkt aus Eiheiji nach Tassajara, dem neu gegründeten Zen Kloster in Kalifornien, holte. Die nächsten 35 Jahre lebte Kobun hauptsächlich in den USA.

Kobun war eine sanfte und gutmütige Seele. ‚Ein offener und flexibler Geist ist der Weg‘ hat er gesagt und gelebt. Viele Menschen fühlten sich in seiner Gegenwart existenziell berührt und sie erkannten in ihm ihren Zenmeister, mit einigen ging er auch ein formelles Lehrer – Schüler Verhältnis ein. Und obwohl er organisatorische Strukturen und ‚Politik‘ wie er gerne sagte (zusammen mit ‚Finger weg von…), stets vermied und gelegentlich auch gezielt sabotierte, existieren heute in Amerika und Europa eine ganze Anzahl von Zentren und Sitz Gruppen, welche sich auf ihn berufen und in seinem So-Sein Inspiration finden. Gegen Ende seines Lebens ermutigte er einige seiner älteren Studenten, selber mehr Verantwortung in der Übertragung des Zen zu übernehmen und autorisierte sie als Lehrer.
 
Ausser Zen Priester und Zeremonienmeister war Kobun Maler, Kalligraph, Dichter, Kyu-Do Schütze, er spielte Shakuhatchi, die japanische Bambusflöte, kochte gerne, war ein guter und furchtloser Skifahrer, ein Heiler und Astrologe, meistens stier, manchmal nächtelang herumgeisternd, und im Herzen immer ein Künstler. Er hat zwei Kinder aus erster und drei aus zweiter Ehe sowie vier Enkelkinder. Am 26. Juli 2002 ertrank Kobun zusammen mit seiner 5 jährigen Tochter Maya beim Versuch, letztere aus einem Teich zu retten.

Vorträge von

Kobun Chino Otogawa* Roshi

Aufgezeichnet von Barbara King
Veröffentlicht 1997-1999 in Jikoji News


Aspekte des Sitzens

Ich würde gerne die natürliche Eigenart des Sitzens, so wie es ist, gänzlich enthüllen. Würde ich dies in ein Konzept fassen und euch dazu bringen, das, wovon ich denke, dass es eine ideale Art des Sitzens ist, zu verstehen - dann wäre ich so eine Art spezieller Gärtner, der viereckige Rahmen aufstellt und euch hindurchwachsen lässt, um zu viereckigem Bambus zu werden. Oder ich wäre ein automatischer Jounalist, der eine Zeitung herausgibt – wer auch immer kommt, ich würde euch einfach in die Maschine stecken und euch plattdrücken, und ihr würdet als ein zerquetschtes Wesen oder etwas in dieser Art wieder herauskommen.
Zu viel Reden über Zazen oder Shikantaza ist nicht so gut für euch. Es ist nicht möglich, das, was Sitzen bedeutet, zu lehren. Bis ihr es wirklich selbst erfahrt und bestätigt, könnt ihr es nicht glauben. Es hat gewaltige Tiefe, und Jahr um Jahr erscheint diese großartige Welt des Shikantaza. Es liegt an euch, es zu kultivieren. Weil ihr selbst Buddhas seid, könnt ihr sitzen. Dogen nannte dieses Sitzen „Großes Tor von Frieden und Freude“. Ganz einfach, es ist friedvoll, unendlich friedvoll, angenehm und freudig. Shikantaza trägt nicht den Namen irgendeiner Religion, doch es ist auf seine Art eine wahrhaft religiöse Art, zu leben.
Jikoji News, Winter 1997

Wer ist dein Lehrer?
 
Der eigentliche Zweck des Übens ist, die Weisheit, die du schon immer in dir hattest, zu entdecken. Dich selbst zu entdecken heisst, Weisheit zu entdecken; ohne dich selbst zu entdecken, kannst du niemals mit irgendjemandem kommunizieren. Im alltäglichen Leben können wir einen flüchtigen Blick auf Weisheit erhaschen, so wie das polierte Werkzeug Ausdruck der Weisheit im Arm des Zimmermannes ist. Sie ist unsichtbar, du kannst sie nicht hervorziehen und vorzeigen.
 
Weisheit kommt nicht von Irgendwo her; sie ist immer da als der exakte Gehalt des Erwachens – sie ist immer und überall vorhanden. Was du tun kannst, ist, sie aufzudecken. Als gingest du zum Ursprung eines Flusses, die gefallenen Blätter aufhebend. Warst du je an der Quelle eines Flusses? Es ist ein sehr mystischer Ort. Dir schwindelt, wenn du für eine Weile bleibst. Ein besonders großer Fluss hat mehrere Quellen, und die wahre Quelle, der entfernteste Punkt, der zum Hauptstrom wird, ist feucht und dunstig, mit einer Art uralten Geruchs, und dir ist kalt. Du empfindest: „Dies ist kein Ort, hinein zu gehen“. Es gibt kein hervorsprudelndes Wasser, also weißt du nicht, wo die Quelle ist. Tatsächlich existiert ein solcher Ort in jedem; unser Zentrum ist von dieser Art. Von diesem Ort entspringt der uralte Ruf: „Warum kennst du mich nicht? Da du so viele Jahre schon mit mir lebst, warum kannst mich nicht bei meinem wahren Namen rufen?“ Unglücklicherweise können wir an einen solchen Ort nicht mit Körper und Geist reisen, aber wir fühlen, dass es einen solchen Ursprung gibt, und dort beginnt alles. Von diesem Ort seid ihr tatsächlich gekommen und alles was ihr tut, ist, an diesen Punkt zurückzukehren. In der Zeit des Lebens könnt ihr anderen Leuten begegnen, zumindest einem Anderen außer euch selbst. Also, anders ausgedrückt, zwei von euch entdecken. Darum fahrt ihr fort, so mühsam zu leben.
 
Der Weg, deinen Ursprung zu entdecken, ist, demjenigen zuzuhören, bei dem du fühlst: “Das ist es!” Es scheint, als könntest du es alleine, ohne Andere tun, aber tatsächlich kannst du allein auf dich gestellt diesen Ursprung nicht entdecken. Diesem Punkt zustrebend, glaubst du nie „Das ist es“. Aber unmittelbar auf den Ursprung eines Anderen zeigend und sprechend: „Dies ist mein Ursprung“ - in diesem Moment erscheint ein anderer Finger, zeigt auf dich und spricht: „Nein, das ist mein Ursprung“. Und dir schwindelt. „Moment mal, bist du mein Lehrer oder bist du mein Schüler?“ Und beide sagen: „Nein, es macht keinen Unterschied. Ich kann dein Schüler sein; ich werde ein alter Buddha für dich sein“. Der Schüler sagt dies zu seinem Lehrer. Ohne dein ganzes Leben und deinen Körper in Andere zu werfen kannst du niemals deine eigene wahre Natur erlangen. Je klarer dein Verständnis des Lebens wird, genauer und auf schmerzhafte Weise freudvoll, desto mehr fühlst du: „Ich bin so schlecht“. Der Eine, der erscheint und spricht: „Nein, du bist nicht im Geringsten schlecht, so ist es eben“ – das ist dein Lehrer. Versteh das nicht falsch, dieser Lehrer ist nicht immer eine Person. Es kann dich umarmen wie der Morgentau auf einem Acker und du bekommst ein seltsames Gefühl: „Oh, das ist es, mein Lehrer ist dieser Acker“.
 
Mit deinem wahren Selbst richtig umzugehen, ist, sich vor dir selbst tief zu verbeugen und zu bitten: “Bitte lass mich von mir selbst wissen”. Weil wir es nicht alleine tun können, müssen wir es mit jemandem tun, der unser Gelöbnis annehmen kann. Ein solches Ereignis stattfinden zu lassen, das ist es, was höchstes Erwachen ist. Es ist nicht deine Schöpfung, du bewunderst lediglich den Ort, an dem du bist und du bist mit ihm, und dieser Ort ist der Ort, deinem Lehrer zu begegnen. Es muss kein besonderer Ort sein. Wenn du ein wenig achtsam mit dir selbst bist, kannst du eine solche Gelegenheit erschaffen … zwischen deinen Kindern und dir selbst, zwischen deinen Eltern und dir selbst.
 
Jikoji News, Frühling 1997


Udumbara
 
Ich habe viele Dinge zu bedenken und zu diskutieren - darüber, wie in diesem neuen Zeitalter ein wirklich nützliches Leben zu führen ist. Wir möchten gerne Vorschau halten und das nächste Jahrhundert willkommen heissen.
 
Denkt immer daran, womit man beginnt. Wenn wir sitzen … Sitzen ist immer zwecklos, wisst ihr. Offensichtlich berühren wir mit unserem Körper das Sitzen, als würde man den Daumen auf Papier drücken: „Das ist es“. Körper fühlt sich so an: Raumzeit berühren, Materie in Raumzeit erzeugen – so fühle ich mich, wenn ich sitze. Und je stiller das Sitzen wird, umso mehr fühlt es sich an wie Anhalten der Zeit … Zeit hält an. An diesem Punkt wird dieser Körper nicht mehr unterschieden, aber tatsächliche Dinge, die sich wie Körper anfühlen, erstrecken sich überall hin. Und nicht in der eingefrorenen Art von Verwirklichung, sondern in einer sehr machtvollen Gegenwärtigkeit des Gefühls, dass du wirklich da bist als das, was du bist, was die Dinge sind, ohne jedes einzelne Ding zu benennen. Selbst das, was du nicht bist, ist ebenfalls da. Was ich meine ist, das Ding, das die Erscheinungen enthält, die Erscheinungen erfährt als dein eigner Körper, ist auch du. Du kannst sagen, „Zeit/Raum“ oder „Raum/Zeit“ oder einfach „Leere“, oder etwas in der Art. „Phainomenon/Noumenon“ zusammen, ist es da.
 
Eine leichte Regung des Geistes erzeugt viele Einsichten aus vergangenen Erfahrungen, aus Bildern, die du in die Zukunft hinein entworfen hast: Vorstellungen über die gegenwärtige Beziehung aller Leute und Situationen in dieser Gegenwart. Es gibt kein Unterscheiden zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - nur diese ungeheure Dynamik dessen, wo du lebst, was da ist … Alles als du selbst existierend.
 
Aber dieser Körper ist  in solcher Zeit ein sehr subtiles Ding, ständig auf diesen Fleck des Sitzens drückend. Dogen Zenji sprach: „Den Weg Buddhas zu meistern heisst, dein eigenes Selbst zu meistern, zu klären. Dadurch kannst du das Eigen-Selbst aller Anderen klären“. So erwähnte er, dass der Fokus darauf liegt, die Angelegenheit unseres eigenen Lebens und Todes, von Geburt und Tod zu klären: dieses Thema zu leben.
 
Das Thema liegt so nahe; so, wie es auf dich weist. Wenn du nach außen zeigst, können wir ganz gut studieren, doch wenn du beginnst, auf dich selbst zu zeigen, ist es nahezu unmöglich. Ein frisches Auge wird nach außen geöffnet, also kann dasselbe Auge nicht genutzt werden, das innere Reich von euch selbst zu sehen. Wir wenden uns um und machen unsere innere Welt zum äußeren Objekt und analysieren, was geschieht - was gewöhnlich Psychologie oder religiöse Studien genannt wird. Aber diese Art des Studiums, mit einem objektivierten Selbst, ist nicht, was wir sind. Also, ein sehr wichtiger Punkt ist, bei dem Selbst zu sein, das die Analyse jedes Aspektes zurückweist.
 
Gary Snyder sprach von genau dieser Art Situation als dem Versuch, einen Avocadosamen zu greifen. Er entgleitet … du kannst ihn nicht greifen! Es ist die amerikanische Version des berühmten Gemäldes Jagd auf den schlüpfrigen Wels  mit der Kürbisflasche. Habt ihr dieses Bild gesehen? Ein junger Mann, ein haariger, Hippie-artiger Mensch, jagt einen Wels mit einer Kürbisflasche, die eine ganz klitzekleine Öffnung hat! Unmöglich, diesen Fisch zu fangen! Japanische Welse haben riesige Köpfe und lange, lange Bartfäden, und ein Schwanzende, das ganz winzig wird. Der ganze Körper ist so glitschig und schlüpfrig. Die Zähne sehr, sehr scharf wie eine Säge. Der Wels lebt gewöhnlich im Teich. Wir nennen ihn „Meister des Teichs“. Wenn ihr versucht, ihn zu fangen, verursacht das ein Erdbeben! Lasst ihn in Ruhe! Wenn ihr die Wahrheit sucht, verursacht das ein Erdbeben! In dieser Weise, sagen manche Biographen, erscheinen viele mächtige Leute. Wenn sie ihre Aufgaben beenden und vergehen, treten immer Erdbeben auf. Doch nicht die Erde bebt, es ist der schlafende Geist der Menschen.
 
Blüten – Jahreszeit der Blüten – nicht die normale Jahreszeit der Blüten, sondern Blüten ausserhalb der Saison. Sie blühen, wenn solche Menschen erscheinen und verschwinden, und das, was die Empfindung (des Erdbebens) im Geist der Menschen ist - schaut diese Art Blüten, sie sind Geist-Blüten von Menschen, die erscheinen. Wir nennen diese Blüten-des-Geistes „Udumbara“. So blühen sie alle fünfhundert Jahre. Und in dieser Gegend hier haben wir fünfhundert-Jahres-Treffen.
 
Jikoji News, Sommer 1997


Die andere Seite des Nichts
 
Wir üben diese Praxis nicht in der Erwartung aus, dadurch etwas zu erlangen. Dies ist eine ganz andere Art des Handelns. In gewissem Sinne ist es das Verlassen menschlicher Angelegenheiten, um sich auf die andere Seite des Reichs der Menschen zu begeben. Habt ihr bemerkt, dass euer Gesicht sich verändert, Augenblick für Augenblick, wenn ihr der Wand gegenüber seid? Wenn ihr darauf achtet, wie ihr euch genau fühlt, dann fühlt ihr, wie es sich verändert. Es ist ein so unmerklicher Wechsel, dass niemand es wahrnehmen würde, wenn er euch beobachtete. Es ist, als würde eine Flamme auf dem Kissen sitzen. Jeden Augenblick ist die Beschaffenheit der Flamme anders. Ihr erfährt dies vom Morgen-Zazen bis zum Nacht-Zazen. In jeder Sizung ist es ein ganz anderes Gefühl. Jeden Atemzug ist alles anders.
 
Wir erfahren beim Sitzen eine Art Sterben in Bezug auf das Wahre und das Unwahre. Das Unwahre stirbt, also leiden wir. Wir wollen uns an das Selbst klammern, an dessen Existenz wir glauben. Der Inhalt dessen, was „Ich“ bedeutet, oder die Stückchen, aus denen die Idee von einem Selbst zusammengesetzt ist, sind in sich stimmig; aber wenn ihr sitzt, könnt ihr keine Substanz in diesen Stückchen eines Selbst beobachten.
 
Wenn wir versuchen, etwas Erwachen oder Erleuchtung zu erreichen, gelingt es nicht. Wir hören, dass Sitzen das Klären der wahren Natur des Selbst ist, aber anscheinend wird gar nichts geklärt, nichts geschieht. Ihr bringt lediglich die Zeit herum und habt eine Menge Schmerzen und einen herumstolpernden Geist. Wenn ihr den ganzen Tag sitzt, habt ihr ein- oder zweimal ein gutes Sitzen; aber wenn ihr das gute Sitzen mit dem Rest vergleicht, dann habt ihr einen Geist voller Bedauern: „Was habe ich getan? Schläfriges, kraftloses Sitzen.“
 
Dadurch entstehen Zweifel. Was ist das? Ist das in Ordnung so? Bist du in Ordnung? Euer Geist ist an einem anderen Ort als das Sitzen. Ich wünschte, ihr würdet einmal für ein paar Tage alleine sitzen. Wenn ihr alleine sitzt, dann merkt ihr, dass ihr eure rechte Absicht klären könnt - eure feste innere Einstellung in der Hinsicht, euch um euch selbst zu kümmern - auch wenn es viele gefährliche Situationen gibt, in die man geraten kann. Wenn wir gemeinsam sitzen, so wie jetzt, denkt ihr: „Wenn andere Leute sitzen, müsste das in Ordnung sein! Das muss der Weg sein!“ Wenn aber etwas Wichtigeres auftaucht, als eure Beschäftigung mit euch selbst, dann hört ihr selbstverständlich auf, zu sitzen und stürzt euch auf die Beschäftigung damit. Für jeden von uns ist die Möglichkeit des Sitzens eigentlich das Gleiche, wie alleine zu sitzen.

Schüler: Jahrelang habe ich es vorgezogen, für mich alleine zu sitzen, und immer, wenn ich in einer Gruppe sitzen musste, war es schwieriger. Ich hatte Probleme, die ich alleine nicht hatte.
 
Kobun: Die Schwierigkeit lag nicht im gemeinsamen Sitzen, die Schwierigkeit lag bei dir! Der Wunsch, alleine zu sein, ist unmöglich erfüllbar. Wenn du wirklich allein wirst, fällt dir auf, dass du nicht allein bist. Anders gesagt, wir beenden unsere energischen Anstrengungen hin zu idealer Reinheit. Reinheit ist nur ein Prozess. Nach Reinheit kommt trockene Einfachheit, wo kaum noch Leben da ist, und deine Empfindung ist, dass du nicht mehr existierst. Trotzdem existierst du dort. Du kippst auf die andere Seite des Nichts, wo du entdeckst, dass alle auf dich warten. Davor lebst du auf diese Art in Gemeinschaft – Tag, Sonne, Mond, Sterne und Essen – Alles hilft dir, aber du bist völlig abgeschnitten, ein geschlossenes System. Du siehst Dinge nur von Innen nach Außen und handelst mit unglaublicher, systematischer, logischer Dynamik und du denkst, alles ist in Ordnung. Wenn Lärm oder chaotische Situationen auftreten, willst du sie vermeiden, um alleine zu sein. Aber es gibt kein solches Alleinsein!
 
Es ist sehr wichtig, die völlige Negation deines Selbst zu erfahren, die dich auf die andere Seite des Nichts bringt. Menschen erfahren sie auf viele Arten. Du gehst auf die andere Seite des Nichts und du wirst von der Hand des Absoluten gehalten. Du siehst dich selbst als Teil des Absoluten, also existiert das Beharren des Selbst auf dir selbst nicht mehr. Vom Standpunkt des Absoluten aus kannst du von Selbst als von Nicht-Selbst sprechen. Nur wirkliche Existenz ist absolut.
 
Jikoji News, Winter 1998


Haltung
 
Jahr um Jahr erhält unsere Körperhaltung Schliff. Durch wiederholtes Sitzen werden unsere Muskeln sehr verfeinert, so dass sie nicht in eine Richtung ziehen. Wenn eure Muskulatur sehr ausgeglichen wird, seid ihr in der Lage, zu fühlen, dass fast nichts da ist. Eure Eingeweide, eure Knochen, Alles ist im selben Gleichgewicht. Wenn euer Körper in der Lage ist, die richtige Haltung einzunehmen, wenn ihr sitzt, als würde da niemand sitzen - dann fühlt ihr euch selbst. Die Methode, eure beste Haltung zu finden, ist, eure Aufmerksamkeit auf euer Körpergefühl zu richten. Es ist schwer, zu sagen, was das ist; ein inneres Auge, eine innere Empfindung, die es ermöglicht, jeden Teil eures Körpers zu beobachten.
 
Wenn ihr wach seid, fühlt ihr jeden Teil eures Körpers – seine Oberfläche, ein wenig darunter, tief im Innern, alle Teile. Wenn ihr eure bestmögliche Haltung einnehmt, dann seid ihr gewichtlos und ihr seid euch eurer Bemühung, diese Haltung beizubehalten, nicht bewusst. Es kommt darauf an, ein gestrecktes Rückgrat zu haben, wobei euer Nacken gerade in der Verlängerung des Rückgrates ist. Wenn ihr euch leicht nach rechts oder links oder nach hinten lehnt, könnt ihr herausfinden, bei welchem Punkt eure Haltung aufrecht ist. Das hängt mit dem unglaublichen Zug der Schwerkraft zusammen. Tausend Millionen Schwerkraftlinien ziehen euch nach unten. Ihr schwingt mit eurem Körper von links nach rechts und kommt schließlich auf einem Punkt an.
 
Es bleibt nicht so. Wir fallen wieder zusammen, also müssen wir es wieder aufbauen. Ungefähr alle zwanzig Minuten oder so müssen wir es erneut tun. Es ist eine sehr natürliche Position, aber wir haben unglaubliche Angewohnheiten, die schwer zu korrigieren sind. Jedesmal, wenn wir unsere Sitzposition korrigiert haben, fallen wir immer wieder in eine bequemere Haltung zurück.
 
Es ist sehr wichtig, die Fußsohlen nach oben zeigen zu lassen. Eure Sohlen nach oben zu drehen, wobei die Füße nach unten auf die Oberschenkel drücken, ist keine zufällige Entdeckung, sondern eine ausgefeilte Entdeckung. Sie sollten so sein, weil es dann ein sehr geerdetes Gefühl davon gibt, auf dem Boden zu sein - nicht fließend oder planlos in der Luft herumfliegend.
 
Die Augen sollten offen gehalten werden, und hoffentlich werden sie durch Alles hindurchblicken, weil eure Schau nicht „eure“ Schau ist – ihr solltet durchschauen. Es ist sehr leicht, eure Haltung einfach dadurch zu verderben, dass ihr eure Augäpfel herumrollen lasst. Ihr müsst nicht starren. Wenn ihr darauf zurückkommt, eure Augen ruhig zu halten, dann öffnet sich etwas. All deine Sinnesorgane sind sorgfältig konstruiertes Erwachen. Wie du siehst, kommen alle Informationen deiner Sinnesorgane Augenblick für Augenblick zusammen und das Geist-Auge ist ständig in Funktion – jeder hat bereits das Geist-Auge; es öffnet sich nicht neu. Dein stilles Sitzen ist wie eine Person, die gerade einen Pfeil abgeschossen hat; einen Moment später ist das Ergebnis da. Was du weißt, ist das Gefühl, dass der Pfeil sich richtig bewegt. Er hat deinen Herrschaftsbereich verlassen aber du fühlst, dass er gut läuft. So ist Stille. In der Stille siehst du, dass Intuition nicht fehlgeht, du fühlst jede Art von Intuition.
 
Die Form des menschlichen Körpers ist ein Fortbestehen karmischer Kraft. Ohne Eltern würdest du hier nicht existieren; ohne dich könnten deine Kinder und alle künftigen Generationen nicht existieren. Einen Körper zu haben hat also in diesem Sinne eine sehr karmische Ursache und ein karmisches Ergebnis. Ohne diese karmische Bedingung kanst du nicht als Ausdruck der höchsten Kraft existieren.
 
Man kann sagen, es gibt eine „richtige Haltung” für das Sitzen. Im Sesshin triffst du häufig diese „richtige Haltung“, schwingst von ihr fort, und kehrst dann wieder zu ihr zurück. Du verstehst, was richtige Haltung für dich ist – du kannst es sehen, es wahrnehmen – es hängt mit deinem derzeitigen Geisteszustand zusammen. Richtige Haltung im Sitzen erschafft den Inhalt des Sitzens von allem, was du bis jetzt erfahren hast. Es erfordert Ablösung von deinem Wunsch, es zu tun; du lässt es von selbst geschehen. Also richtige Haltung ist nicht, dass du das Sitzen vollziehst, richtige Haltung selbst ist das Sitzen und das System deines gesamten Körpers geht in diese Haltung hinein.
 
Die Sitzperiode ist nicht dein eigenes Sitzen. Physisch fühlst du, dass es dein Sitzen ist, das du vollziehst. Die innere Sicht des eigenen Sitzens, die absolut auch eine äußere Sicht ist, beinhaltet deine persönliche Existenz. Sie beinhaltet alles, woher dein Geist beständig arbeitet. Was auch immer du erfahren hast, die aufsteigenden Erinnerungen davon sind ständig da; gleich, ob du sie leugnest oder akzeptierst, sie sind da.
 
Nicht nur das, im Laufe der Zeit ändert sich der Inhalt. Also ist Haltung das, wie du vorankommst, wie du die eingenommene Haltung beibehältst. Wie du bemerkst, ist diese physische Bedingung der Existenz etwas sehr dynamisches, das du nicht anhalten kannst. Es läuft von selbst. Vielleicht laufen alle Dinge von selbst; du bist das und du bist fähig, es zu erfahren und zu fühlen.
 
Sitzen ist immer zwecklos, wie du weißt. Wenn wir mit diesem Körper Sitzen berühren, fühlt es sich an, als setze man einen Daumen auf Papier: „Das ist es!“ Raumzeit berühren, oder Materie in Raumzeit erschaffen. So empfinde ich, wenn ich sitze. Je stiller das Sitzen wird, fast bis zum Stillstand kommt, umso mehr fühlt es sich an, als hielte die Zeit an und es gibt keine Unterscheidung mehr zwischen diesem Körper und allen anderen Dingen. Dinge fühlen sich an, als seien sie Erweiterungen des Körpers. Es ist keine eingefrorene Art von Verwirklichung, sondern eine sehr machtvolle Gegenwart des Gefühls, dass du wirklich da bist, als das, was du bist, was Dinge sind - ohne jedes Ding, das da ist, zu benennen. Selbst das-was-du-nicht-bist ist auch da. Ich meine, dass jenes Ding, welches die Erscheinung, die erfahrene Erscheinung, die dein eigener Körper ist, enthält, auch dein Selbst ist. Phainomenon/Noumenon sind zusammen.
 
Ein leichtes Regen des Geistes ruft viele Einsichten aus vergangenen Erfahrungen und aus Bildern, die du dir von der Zukunft gemacht hast, hervor. Dies ruft Vorstellungen von den Beziehungen aller Menschen und Situationen im gegenwärtigen Augenblick hervor, ohne Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; nichts als die ungeheure Dynamik von dort, wo du lebst - was dort ist, Alles als du selbst existierend.
 
Dieser Körper ist an einem solchen Zeitpunkt ein sehr subtiles Ding, ständig auf diesen Ort des Sitzens drückend. Wenn dein mudra perfekt ist und du doch schief sitzt, ist das seltsam. Es ist das Selbe, als würdest du sitzen während du dir vorstellst, irgendwo zu tanzen. Niemand kann es sehen, nur du selbst kannst es fühlen. Aber Tanzen ist Tanzen und Sitzen ist Sitzen; wenn du also sitzt, musst du sitzen anstatt an irgendetwas Phantasiertes zu denken. Aber es ist nicht allein notwendig, ein Bewusstsein vom Selbst zu entwickeln. Du musst dieses bewusste Selbst von dir selbst loslassen, sonst gehst du in die Falle von „sehr gutes Sitzen“.
 
Die Zeit des Sitzens ist eigentlich zeitlos. Wenn du die richtige Haltung einnimmst, brauchst du an nichts sonst mehr zu denken; nichts ist von irgendeinem Ort, aus Vergangenheit oder Zukunft beizubringen. Das, was man den gegenwärtigen Moment nennen kann (wo du bist und was du bist) ist tatsächlich da, und die körperliche Haltung, die du im Sitzen einnimmst, ist Teil einer ganzen Haltung, wo sie tatsächlich ist. Wenn du also meditierst, meditieren viele, viele Dinge, weil in dieser Welt im Grunde Alles meditiert.
 
Jikoji News, Sommer/Herbst 1998


Mehr über das Atmen
 
Man kann eigentlich nicht sagen, was Atmen ist. Wir sind eine sehr interessante Existenz. Sobald eine Mutter ein Kind gebiert, einen getrennten Körper, beginnt das Kind von selbst zu atmen. Zuvor atmet die Mutter für das Kind.
 
Auf welche Art du während des Sitzens atmest, ist ein wichtiger Punkt: wie das Innere deines Mundes, deine Zunge, deine Zähne sein sollten. Du solltest keine Luft in deinem Mund behalten. Das klingt merkwürdig, aber kannst du es tun? Wenn du die obere und die untere Zahnreihe mit deiner Kiefermuskulatur schließst, dann berühren sich die Zähne gegenseitig und üben Druck aufeinander aus. Deine Wachheit wird sehr stark. Aber strenge die Kiefermuskulatur nicht an, wie es manche Schüler tun. Lass deine Zunge den oberen Gaumen berühren. Lass deinen Atem durch die Nase und direkt zu deiner Lunge gehen. Das ist hilfreich, besonders wenn du schläfrig wirst. Natürlich kommt Speichel in deinen Mund, aber du solltest ihn nicht auf einmal hinunterschlucken. Nach und nach solltest du ihn hinuntergehen lassen, ohne es zu bemerken. Wenn du es bemerkst, kommt mehr und mehr, und du hast ein Problem. Was du wegen Speichel tust, ist sehr wichtig.
 
Wenn du die Beschaffenheit des Einatmens wirklich fühlst und wie es sich anfühlt, wenn die Luft den Körper verlässt, dann wirst du wissen, dass es verschiedene Gefühle sind. Wenn du nur den Atem zählst, entgeht dir dies alles. Das ist schade. Dies ist ein sehr wichtiger Moment, den du lebst. Da bleibt wirklich keine Zeit, zu zählen.
 
Zählen ist eine Fertigkeit, die du benutzt, um einen rastlosen Geist zu beruhigen, einen schnellen Geist, oder einen zerstreuten Geist. Es ist sehr hilfreich, deinen Atem zu vollenden, unmittelbar bevor du das Zendo betrittst. „Vollenden“ heisst, deinen feinsten Atem für das Sitzen zu nehmen, anstatt in den Raum zu platzen, mit Sitzen zu beginnen und dann anzufangen, an deinem Atem zu arbeiten. Das ist zu spät.
 
In diesem Land hat Kapleau Roshis Buch „Die drei Pfeiler des Zen“ das Atemzählen zu einer populären Methode des Sitzens gemacht, weil es damals einer der wenigen verfügbaren Texte war. Aber wenn ihr sitzt und mit eurer Sitzhaltung und der Dynamik eures Körpers und Geistes vertrauter werdet, wird das Atemzählen zu einem sehr kleinen Teil des Übens. Es ist, als würde man während des Sitzens einen Pullover stricken; es ist besser, das zu unterlassen. Ich meine, ihr müsst es auf jeden Fall irgendwann ablegen. Zählen kann als eine Krücke benutzt werden, bevor ihr sitzt. Vielleicht könnt ihr, bevor ihr in das Zendo kommt, zu zählen beginnen: 1,2,3,4,5,6,7,8,9,10 ... richte deinen Atem aus, dann höre genau da zu zählen auf und versinke in das Sitzen. Ich verwerfe nicht die Lehren, die ihr erhalten habt; das Mittel des Zählens, darüber spreche ich.
 
Bei jedem Menschen gibt es ein inneres Bild davon, was Atmen während des Sitzens ist. Wie ihr bemerkt, gibt es sowohl ein physisches Element des Sitzens und ein unsichtbares Element des Sitzens, das wir Geist nennen. Wir vollziehen Geist-Sitzen, Körper-Sitzen, und wir lassen den Atem sitzen. Es existieren drei Aspekte des Sitzens, weil wir unser Sitzen aus drei Perspektiven beobachten können. Wir atmen natürlich und wir schätzen unseren Atem und verstehen wirklich, wie der Atem in unserem Körper und Geist wirkt. Die drei (Körper, Geist und Atem) wirklich zu verknüpfen, darum geht es – nicht um das Zählen des Atems.
 
Wie Suzuki Roshi bemerkt hat, solltest du nicht vollständig ausatmen. Du atmest etwa zu 80% ein, mit dem Gefühl, du könntest noch etwas weiter gehen, und mit dieser Stärke kehrst du um und atmest 80% aus, fühlend, dass du noch etwas weiter gehen könntest. Mit dieser Stärke kehrst du um. Es ist wie das Ziehen eines Kreises, ohne Kluft zwischen Aus- und Einatmen. Mit dem Zusammenziehen des Zwerchfells und der Ausdehnung des Bauches expandiert und kontrahiert manchmal der ganze Körper. Der wichtige Punkt ist, keine Kluft zwischen dem Ende des Ausatmens und dem Beginn des Einatmens zu haben. Es ist wie bei einer Handpumpe; das Wasser fliesst immer in dieselbe Richtung, aber der Pumpenschwengel geht fast bis ganz nach oben und fast bis ganz nach unten.
 
Während des Sitzens sollte dein Atem sehr regelmäßig sein, sehr sanft, fast anstrengungslos, ohne Wahrnehmung, dass die Luft gegangen oder gekommen ist. Atem hat einen unglaublichen Spielraum von Volumen, Stärke und Tempo. Es gibt hunderte von Techniken, die du benutzen kannst, abhängig von deiner Gesundheit und emotionalen Verfassung. Als würdest ein Musikinstrument spielen, singen oder zeichnen, so atmest du; es gibt viele Methoden. Der grundlegende Punkt dabei ist, nicht zu ziehen oder zu drücken, sondern es loszulassen.
 
Das alte Sanskrit-Wort für Atem ist „Prana”. Dies wird ins  Japanische übersetzt als „Ki“ oder als „Chi“ ins Chinesische – „Ki“ wie in „Aikido“. Ki ist Vitalität. Manchmal wird es „Seiki“ genannt: Lebens-Vitalität. Und diese weiche Region, wo unsere Eingeweide sind, wird auf Japanisch „Hara” genannt. „Hara“ nennt man auch „Ikai“: Ozean des Ki. Dort sind unsere lebenswichtigen Organe. Wenn du im Hara keine Stärke hast, fühlst du dich sehr schwach. Wenn du voller Energie bist, ist dieser Teil voller Energie. Wenn du rezitierst, lässt du deine Stimme aus diesem Zentrum deines Bauches kommen. Im Grunde kommt Ki heraus und unterrichtet* die Gestalt deines Geistes. Der Inhalt deines Geistes ist diese Stimme.
 
*W. Waas schlägt „formt“ vor. Ich neige dazu, mich seiner Meinung anzuschließen
 
Das Ideal beim Sitzen ist, den Atem zu vergessen. Du kannst atmen, wie du willst; es gibt eine unglaubliche Variationsbreite im Atemtempo und selbst in der Emotion des Atmens. Wenn du also dein Atmen beobachten willst, solltest du es über Monate hinweg tun, ohne zu versuchen, ihn zu kontrollieren.
 
Mein Eindruck ist, dass jeder Atemzug etwas Unabhängiges ist. Er entsteht und vergeht und einige Gedanken gehen mit ihm. Du kannst sie nicht zurückbringen, das ist es. Es ist wie mit deinem Herzschlag, dein ganzer Körper braucht ihn. Wenn du also den Atem vergessen kannst, dann hast du perfektes Atmen. Ich schlage vor, dass du deine beste Haltung aufrecht hältst; aufgerichtete Haltung – das pflegt auf natürliche Weise das Atmen.
 
Von tiefem Atem, der deine Aufmerksamkeit mit sich trägt, zu sehr flachem Atem, der ebenfalls deine Aufmerksamkeit trägt, dazwischen musst du den besten Atem wählen. Du kannst dir der Beschaffenheit deines Atems bewusst sein, von felsenhartem über seidenweichen Atem bis hin zu durchsichtigem Atem, wie ein durchsichtiger Faden von Atem. Du kannst fühlen, welches der beste Atem für dein Sitzen ist.
 
Versuche, zu sitzen und darauf zu achten, wie dein Atem geht. Jedes Mal, wenn du sitzt, ist deine körperliche Verfassung anders, also musst du jedesmal versuchen, deinen besten Atem zu finden und dabei zu bleiben. Mach dich richtig vertraut mit ihm. Ich empfinde Atmen immer wie das Ziehen eines Kreises.
 
Jikoji News, Frühjahr 1999

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