Mein Yoga-Verständnis


Yoga wird heute mit sehr unterschiedlichen Zielen angeboten. „Yoga und Schönheit“; „Yoga und Jugendlichkeit“; usw.


Ich möchte diese Angebote nicht beurteilen, persönlich sind sie mir jedoch zu oberflächlich, und es besteht der Eindruck, dass Yoga vermarktet wird wie ein Wellness-Programm.


Für mich hat Yoga eine andere Ausrichtung. Es ist ein innerer, ein geistiger Weg, der den Körper nicht nur einbezieht, sondern erst mit dem Körper möglich wird. Keine Frage, dass dies körperlich gut tut (meine Rückenmuskulatur stärkt, meinen Beckenboden mobilisiert, meine Beweglichkeit erhält oder fördert, dass mein Körpergefühl gesteigert wird, dass mein Atem stabiler usw.), dass es mich erfrischen, ja sogar heilen kann, steht außer Frage und wird mir immer wieder bezeugt.


Erst wenn wir unseren Körper ausreichend bewegt haben, kann er ruhig werden und Kraft schöpfen. Erst wenn wir in der Entspannung frei geworden sind, können wir wieder auftanken, denn Yoga hilft uns, unseren unruhigen Geist zu zentrieren und schafft damit die Möglichkeit, neue Kräfte zu sammeln.
Wenn wir dies grundsätzlich bejahen können, besteht kein Zweifel, dass Yoga völlig unabhängig vom Alter mit Erfolg praktiziert werden kann, wenn wir den Übungen mit Liebe und Offenheit begegnen.


Grundsätzlich üben wir in Gruppen. Nur in Ausnahmen macht es Sinn, in einer Einzelstunde, auf ganz individuelle Anliegen einzugehen.

(Siehe Einzelunterricht)


Oft wird erwartet, dass innerhalb weniger Stunden, Beschwerden, die sich in Jahren entwickelt haben, beseitigt werden. Das ist selten der Fall. Im Yoga-Sutra des Patanjali heißt es dazu:


Eine Übungspraxis wird nur dann Erfolge zeigen, wenn wir sie über einen langen Zeitraum ohne Unterbrechung beibehalten, wenn sie von Vertrauen in den Weg und von einem Interesse, das aus unserem Inneren erwächst, getragen ist.


In der Regel gelten die Worte aus dem Yoga-Sutra des Patanjali, der sagt:


Yoga ist „Jedem Augenblick Würde schenken.“


Das will sagen, dass sich der Blick auf mein Leben verändert, denn Yoga üben heißt, mich ganz und gar auf das Tun in der Bewegung, auf den konkreten Ablauf der Übung, in diesem Augenblick, einlasse. Das bedeutet, meine ganze Aufmerksamkeit, die volle Konzentration, diesem Augenblick, dieser Übung schenken. Gerade in unserer Zeit, die schnelllebig ist, und in der scheinbar gleichzeitig mehrere Dinge von uns gefordert werden,  eine große Herausforderung, aber auch ein großes Geschenk, weil ich erfahren darf, wie alles Alltägliche von mir abfällt, es ist wie eine große Reinigung und führt zu einer Begegnung mit mir selbst in der ganzen Fülle meines Lebens: ich erlebe meine Grenzen und Blockaden, erlebe auch die Freude, die entsteht, wenn diese sich nach und nach auflösen. Erlebe das Glück der Verbindung von Atem und Bewegung, eine große Leichtigkeit, die sich anfühlt wie ein Tanz, der fast mühelos gelingt.


Die Erfahrung dieser sich wiederholenden Yoga-Praxis, also Konzentration, Beweglichkeit, Bewusstheit des Atems, Klarheit und Freude, Liebe, fließen wie von selbst in unser Leben hinein, befruchtend, erfrischend wie der Morgentau auf trockenem Boden. Wenn jeder Augenblick unserer Praxis Würde hat, dann hat auch unser Leben, gleich wie es sich gestaltet, seine Würde.


In allen Angeboten wird das klassische Haha-Yoga gelehrt, allerdings ergänzt und befruchtet durch Yoga der Energie, mit dem Augenmerk auf der energetischen und mentalen Ausrichtung, durch Präzisionsyoga und Spiraldynamik mit dem besonderen Blick auf scheinbare „kleine“ Unkorrektheiten. Daraus ergibt sich ein sanftes Yoga, jedoch dynamisches und energetisches Yoga, wobei die Möglichkeiten und Grenzen der Teilnehmenden der Maßstab sind.


Bei Betrachtung der beschriebenen Schwerpunkte ergibt sich ein klares Profil, und zeigen sich  deutliche Unterschiede zu vielen anderen Yogaschulen.
Weil mir der Fluss, die Energie so wichtig ist, zitiere ich gerne einen Satz aus Indien, der prana – Energie – so beschreibt:


„Der Geist ist prana, der in allen Wesen strahlt.“


Es ist die Energie, die die Sterne bewegt und unser Herz schlagen lässt. Prana ist auch die intelligente Kraft, die das Leben in uns pulsieren lässt und uns mit dem Kosmos verbindet. Sie durchdringt gleichermaßen die feinstofflichen wie die grobstofflichen Ebenen, sie ist überall.

Seit über 27 Jahre Sei-Sui Zendo - Zen-Gemeinschaft des stillen Wassers